Verfallene Hütten und Müll – Relikte eines Flüchtlingsdramas

IMG_2585Uganda. Frieden in Uganda. Viele Flüchtlinge verlassen die Lager und gehen wieder in ihre Dörfer. Zurück bleiben vermüllte Ruinen und eine zerstörte Landschaft.

James Ojok zeigt auf eine Hütte. Das Strohdach ist eingefallen, die Lehmwände haben Risse, und aus der Türöffnung zieht ein bestialischer Gestank nach draußen. „Die Bewohner sind zurück in ihr Heimatdorf“, erklärt der 53-Jährige. Damit ist die verlassene Hütte eine potenzielle Gefahrenquelle für die anderen Einwohner des Flüchtlingslagers bei Pader. Die Menschen, die hier leben, sind Vertriebene im eigenen Land. Geflohen im blutigen Bürgerkrieg und nur unter Murren geduldet von den eigenen Landsleuten aus den Dörfern rings um die riesigen Lager.

James Ojok leitet in dem Camp ein ehrenamtliches Komitee, das sich darum kümmert, die Hinterlassenschaften der Heimkehrer zu beseitigen. „Wir wollen das Gelände irgendwann wieder sauber an seinen Besitzer zurückgeben“, erklärt er die Aufgabe des Komitees. Mit Spitzhacken und Macheten werden Ojok und seine 25 Helfer die Behausung dem Erdboden gleichmachen. „Verlassene Hütten werden immer wieder als Latrinen benutzt“, so Ojok. Damit sind sie Keimzellen für Krankheiten und Seuchen, die sich dann schnell ausbreiten. Doch nicht nur unter hygienischen Aspekten sind die Ruinen ein Problem. Immer wieder sind die runden Gebäude aus Lehm, Holz und Stroh auch Ausgangspunkt von Gewalt – Frauen werden vergewaltigt, Kriminelle finden dort Unterschlupf. Deshalb macht auch die Regierung Druck und will bis Ende 2009 die Camps auflösen. „Das ist unser Ziel. Wir wollen aber niemanden zwingen“, erklärt Ugandas Vizepräsident Gerald Bukenya.

IMG_2580Ganz ohne Zwang wird sich die Auflösung der Camps aber nicht umsetzen lassen, da viele Menschen gar nicht weg wollen. Denn hier ist, dank der von Hilfsorganisationen gebauten Brunnen und Gesundheitsstationen, die Infrastruktur oft besser als in den Heimatdörfern. Darüber hinaus haben sich viele Flüchtlingslager in den vergangenen 15 Jahren zu florierenden Gemeinden und Handelsplätzen entwickelt. Deshalb geht die ugandische Regierung nach Ansicht vieler Hilfsorganisationen auch zu voreilig bei der Auflösung von Flüchtlingslagern vor. „In den Camps leben noch viele traumatisierte Menschen. Die brauchen auch weiterhin unsere Zeit und Unterstützung“, kritisiert World-Vision- Mitarbeiterin Bettina Bäsch das geplante Ende der Lager. Ungeklärt ist zudem, was mit alten und kranken Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, fortzugehen, geschieht. Und mit den Waisen, für die das Lager Heimat geworden ist.

IMG_2622Doch trotz aller Kritik am Zeitplan der Regierung beteiligen sich auch deutsche Hilfsorganisationen an der koordinierten und freiwilligen Rückführung der Binnenflüchtlinge. So sorgt der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) für die Wiederherstellung der Infrastruktur in den ehemaligen Dörfern, baut Sanitäranlagen oder verteilt Hygiene-Kits, um den Ausbruch von Krankheiten wie Cholera zu verhindern. Außerdem unterstützt der ASB die organisierte Auflösung der Camps. „Wir beraten die Komitees, finanzieren den Abriss der Hütten und stellen die Geräte dafür zur Verfügung“, erklärt Projektkoordinatorin Maria Mallender. Insgesamt hat der ASB seit 2005 im Nordosten Ugandas mehr als 11.000 Menschen bei ihrem Neuanfang geholfen. Darüber hinaus sorgt die Hilfsorganisation auch für die Entsorgung des Mülls in den Lagern und für die Renaturierung der Gelände.

Parallel dazu werden die Menschen aber auch in ihren Dörfern weiter betreut, denn die meisten Vertriebenen haben auf der Flucht alles verloren. Außerdem ist in den Camps eine Generation zur Welt gekommen, der das seit Jahrhunderten überlieferte Wissen über Ackerbau und Viehzucht fehlt. Hier versucht der ASB mit betreuter gemeinnütziger Arbeit, wie der Instandsetzung von Straßen oder dem Anlegen von Feldern, den Rückkehrern das nötige Wissen für den Alltag zu vermitteln. Für diese Tätigkeiten bekommen die Arbeiter aber kein Geld, sondern Gutscheine, die dann gegen Saatgut oder Werkzeuge eingetauscht werden können. „Wir versuchen damit, den Menschen bei ihrer Rückkehr in die Selbstständigkeit praxisnah zu helfen“, erklärt Mallender.

Das sichtbare Zeichen des Erfolgs steht am Rande eines Dorfes – das neue Schulgebäude der Gemeinde. Wiederaufgebaut unter anderem mit recycelten Lehmziegeln verlassener Hütten aus einem Camp.

Veröffentlicht im „Mannheimer Morgen“, 28. Mai 2009

 

Kommentare sind geschlossen.

Website bereitgestellt von WordPress.com.

Nach oben ↑