
Uganda. Das Schicksal von Florence ist exemplarisch für das Leben von rund 30 000 jungen Erwachsenen in Uganda. Die 26-Jährige wurde von Rebellen als Kindersoldatin benutzt.
Die Frau hat sich herausgeputzt: blauer Rock, gebügelte Bluse, Perlenkette. Die erfolgreiche Unternehmerin Florence steht vor ihrer Hütte und lächelt. Es ist ein offenes, herzliches Lachen. Doch das war nicht immer so.
Den 4. Oktober 1994, einen Dienstag, wird Florence wohl nie vergessen. Bis dahin hat sie mit ihren Eltern, einfachen Bauern, eine zufriedene Kindheit verlebt. Doch an diesem Dienstag vor 15 Jahren sollte sich ihr Leben schlagartig ändern. Die Soldaten der Lords Resistance Army (LRA) – auf Deutsch: Widerstandsarmee des Herrn – von Joseph Kony überfallen ihr Heimatdorf. Die Soldaten morden und vergewaltigen, brennen die Hütten nieder, plündern die Ernte. Und sie nehmen die kleine Florence mit in den Busch.
„Wir mussten lange marschieren, und es gab wenig zu essen. Viele sind schon auf dem Weg gestorben“, erzählt die junge Frau. Zusammen mit den Soldaten der LRA marschiert das elfjährige Mädchen in ein fast neun Jahre dauerndes Martyrium. Kilometer für Kilometer. Bei sengender Hitze geht es durch die undurchdringliche Steppe Nord-Ugandas. Eine Woche lang. Der Südsudan ist das Ziel. Die zerklüfteten und unwegsamen Berge jenseits der Grenze werden schließlich zum Schauplatz der Leidensgeschichte der Frau, die jetzt in Sonntagskleidung in ihrer Hütte sitzt.

Florences Lächeln ist jetzt wie weggeblasen. Völlig emotionslos, mit versteinerter Miene erzählt sie im Halbdunkel ihrer Hütte von der Ankunft in Konys Camp. „Du gehörst jetzt ihm, wenn du fliehst, bringen wir dich um.“ Das Mädchen wird einem Soldaten als Sexsklavin zugeteilt. Florence spricht ruhig. Ihr Blick ist leer, schweift immer wieder in die Ferne, durchdringt die graue Lehmwand ihrer Rundhütte. Einzig die Hände sind ständig in Bewegung. Die Finger in ihrem Schoß verknoten sich ineinander, lösen sich, verknoten sich wieder – pausenlos.
Im Südsudan bekommt Florence eine militärische Ausbildung. Das Gewehr wird zum ständigen Begleiter des Mädchens. „Wer sein Gewehr verloren hat, wurde unter dem Baum auf dem großen Platz vor den Augen aller erschossen“, erzählt sie. Im Camp musste Florence von sechs Uhr morgens bis spät abends auf den Beinen sein. Das Mädchen wird losgeschickt, um Essen für die Soldaten zu besorgen. Konkret heißt das: Florence und andere Kindersoldaten plündern Dörfer. Dann schleppen sie die geraubte Beute auf geheimen Pfaden ins Camp. „Kony selber hat uns in Gruppen eingeteilt und gesagt, wie viele Menschen wir töten sollen“, erzählt sie mit undurchdringlicher Miene. „Schneidet ihnen die Lippen ab“, murmelt sie gedankenverloren einen Befehl des selbst ernannten Propheten. Florence senkt den Blick, schaut lange auf ihre Hände. Sie liegen in ihrem Schoss – zur Faust geballt.
Schnell wird Florence im Lager von ihrem „Mann“ schwanger. Nach der Geburt des Kindes ändert sich nichts an ihrem Alltag. „Es gab kaum eine bessere Behandlung für Mütter“, erzählt sie. Im Gegenteil: Jetzt zieht Florence mit Gewehr und Kind in die Schlacht. Ihren Sohn Akwero bindet sie sich dabei mit Tüchern auf den Rücken.
Insgesamt bekommt Florence im LRA-Camp zwei Kinder, mit ihrem dritten Kind ist sie schwanger, als sie 2002 das Chaos während eines Gefechts nutzt und flieht. Zuerst landet sie in einem Auffanglager der ugandischen Armee, dann findet sie Zuflucht im „Rehabilitationszentrum für ehemalige Kindersoldaten“, das die Hilfsorganisation World Vision in Gulu eingerichtet hat. Dort hat sie zum ersten Mal ihre Mutter wiedergesehen, ihr Vater war in der Zwischenzeit gestorben.

„Beim ersten Treffen mit meiner Mutter habe ich geweint, nur geweint. Erst einen Tag später haben wir geredet“, erinnert sich Florence. Im Center schöpft Florence neue Kraft und Hoffnung. Hier wird sie medizinisch und psychologisch betreut. Die ehemalige Kindersoldatin erzählt von Schuldgefühlen, die sie plagen, und von dem Herzklopfen, das sie immer noch hat, wenn sie an Joseph Kony denkt.
Und Florence denkt oft an Kony und seine LRA. Sie hat immer noch Angst, dass der Rebellenchef zurückkommen könnte. Zwar herrscht seit zwei Jahren Frieden, aber Kony ist weiter auf der Flucht. Deswegen geht sie auch nicht zurück in ihr Dorf. In Gulu fühlt sie sich sicher, hier hat sie sich ein neues Leben aufgebaut. Nach einem Business-Training im Center und mit 70 000 Uganda- Schilling (35 Euro) Startkapital von der Hilfsorganisation betreibt Florence eine Ziegelei. Sogar einen Mitarbeiter hat sie schon, denn das Geschäft mit den Lehmziegeln brummt. Nach zwei Jahren Ruhe bauen viele ihre Hütten wieder auf.
So profitiert Florence jetzt von dem Krieg, der ihr die Jugend geraubt hat. „Oh ja, die Ziegelei hat viel Veränderung gebracht“, erklärt Florence, ohne nachzudenken. Dank ihres Geschäfts könne sie Essen kaufen und das Schulgeld für die Kinder bezahlen. Denn ihre Kinder sollen es einmal besser haben. „Das ist das Wichtigste.“ Florences Augen strahlen, als sie über die Zukunft ihrer Kinder spricht. Ein Lächeln hat die Kälte aus ihrem Gesicht vertrieben. Auch ihre Hände sind jetzt ganz entspannt. Ruhig liegen sie in ihrem Schoß.
Veröffentlicht im „Mannheimer Morgen“, 3. März 2009