
Südafrika. Das Witsand Nature Reserve ist ein kleines aber feines Naturschutzgebiet an Südafrikas Nordkap zwischen Kimberley und Upington. Es lockt Selbstfahrer mit „brüllendem Sand“ und schneeweißen „Ostsee-Dünen“ mitten in der rostroten Kalahari. Und die Tierwelt lenkt den Blick weg von den Big Five auf die eher unscheinbareren, aber nicht minder faszinierenden Geschöpfe der afrikanischen Savanne.
Jaco Powell macht einen beherzten Sprung von der Dünenkuppe. Dann rennt er den steilen Sandberg hinunter. Hinter ihm fliegt Sand, fein wie Puderzucker, in hohen Fontänen durch die flirrend heiße Luft. Plötzlich durchbricht ein tiefes Brummen die unglaubliche Stille im Witsand Nature Reserve. Das Brummen klingt wie eine Mischung aus Löwengebrüll und einem sich schnell entfernenden Gewitter. In dem Moment, wenn der Guide stoppt, verstummt auch das Grollen. Die Südafrikaner nennen dieses Naturphänomen, das es nur in dem abgelegenen Naturschutzgebiet am Nordkap gibt, „Roaring Sand“ oder „Brulsand“ – Brüllsand.
Verschwitzt und mit einer Schicht aus feinstem Sand überzogen, erklärt Jaco Powell im schattigen Dünental das seltene Naturschauspiel. „Die Sandkörner sind hier ganz besonders fein, haben alle dieselbe Größe und liegen sehr kompakt beieinander. Bei Hitze dehnt sich die Luft zwischen den Körnern aus und bildet und Druck stehende kleinste Hohlräume. Wenn man auf den Sand tritt, entweicht die Luft. Dies erzeugt das Grollen“, erklärt der aus der Diamantenstadt Kimberley stammende Südafrikaner. Dieses Naturschauspiel funktioniert jedoch nur bei optimalen Witterungsbedingungen. „Der Sand muss trocken, warm und sauber sein“, sagt er. Stimmen die Bedingungen, kann auch schon mal der Wind allein den brummenden Sing-Sang der Dünen auslösen.

Das Nordkap ist die am dünnsten besiedelte Provinz Südafrikas. Nur zwei Einwohner kommen hier auf einen Quadratkilometer. Rund um das Witsand Nature Reserve sind es wahrscheinlich noch weniger. Und zugegeben: Das kleine Naturschutzgebiet liegt auch nicht unbedingt auf der klassischen Route europäischer Selbstfahrer-Touristen. Von Kimberley kommend ist es knapp drei Autostunden oder rund 275 Kilometer entfernt und befindet sich ungefähr auf halber Strecke auf dem Weg nach Upington. Die Stadt und das umliegende Weinanbau-Gebiet am Orange-River liegen rund 225 Kilometer westlich des Reservates. Trotzdem ist ein Besuch des nur rund 3500 Hektar großen Witsand Nature Reserve absolut zu empfehlen. Denn der „Brüllsand“ ist nicht das einzige Naturschauspiel, das Reisende in dem seit 1994 bestehenden Reservat erleben können. Schon aus der Ferne glitzern die schneeweißen Dünen des Witsand Nature Reserve wie eine Fata Morgana in der rostroten Savanne der Kalahari.
Dass die knapp neun Kilometer breiten und und rund zwei Kilometer langen Dünen in diesem Teil der Kalahari eher nach deutscher Nord- oder Ostseeküste aussehen als nach afrikanischer Savanne, ist der besonderen Beschaffenheit des Bodens unter dem Dünensystem zu verdanken. „Ein Quarzit-Bassin unter dem Sand sorgt für die weißen Dünen“, sagt Jaco Powell. „Über der Steinblockade sammelt sich Regen- und Grundwasser. Das hat im Laufe der Zeit das Eisenoxid aus dem Sand gewaschen“, ergänzt er. Von den Kämmen der bis zu 60 Meter hohen Dünen aus kann man sehr gut erkennen, wo das Quarzit-Bassin endet. Innerhalb von ein paar Metern verwandelt sich dort die Sandfarbe wieder in das charakteristische Rostrot der Kalahari. Und auch die Vegetation ändert sich abrupt. „Bäume und Sträucher mit tiefen Wurzeln kommen nicht durch die Stein-Barriere“, sagt Powell. Deswegen bestimmen zwischen den Dünen auch buschartige Sträucher und mannshohe, schilfartige Gräser das Landschaftsbild.

chon knapp drei Meter unter den Dünen beginnt die Wasser führende Schicht. Die Quarzit-Barriere liegt rund fünfzig Meter tief im Erdboden. „Je heller der Sand, desto näher ist das Wasser“, sagt Jaco Powell. Schätzungsweise 1,2 Millionen Kubikmeter reinstes Wasser, das weniger Feststoffe als Regenwasser enthält, sind dank der Steinblockade unter den Dünen permanent gespeichert. Dieser Überfluss an Wasser unter dem flirrend heißen Sandmeer ist nur schwer vorstellbar. Doch mit dem Wasservorrat werden insgesamt sieben rund um das Witsand Nature Reserve liegende Farmen das ganze Jahr über versorgt. Nicht umsonst haben sich hier schon immer Menschen niedergelassen. Forscher haben in der Region Spuren menschlicher Besiedlung gefunden, die bis in die Steinzeit vor 40.000 Jahren zurückreichen.
Tour-Guide Jaco Powell geht in die Hocke und sammelt kleine braune Brocken auf. Die rostigen Eisen-Nuggets klimpern in seiner Hand. Das Eisenoxid, das das Wasser von den Sandkörnern gewaschen hat, ist durch Hitze, Trockenheit und dem Druck der Sandmassen zu Eisen-Nuggets gepresst worden. „Diese Klumpen hier haben rund 30 Jahre gebraucht, um die Größe von Kirschkernen zu erreichen“, sagt Jaco Powell. Vorsichtig legt der Guide die rostigen Nuggets wieder in den Sand. „Wir müssen die Natur schützen und ihr erlauben ihren Weg zu gehen. Das ist unsere Aufgabe als Menschen“, sagt er.
Seit zwanzig Jahren zeigt er Touristen bereits die Schönheiten seiner Heimat. Schon als Kind war er oft mit seinen Eltern in den Nationalpark Südafrikas unterwegs. „Ich wollte schon immer Ranger werden“, sagt Jaco Powell. Seine Mutter war anfangs zwar strikt dagegen und hat versucht, ihm diesen Berufswunsch auszureden. „Ich habe mich aber durchgesetzt“, sagt Jaco Powell und lächelt verschmitzt. Heute ist er nicht nur in seinem Heimatland unterwegs, um Touristen den Zauber Afrikas zu zeigen. Jaco Powell macht auch Touren durch Uganda, Ruanda, Kenia, Mosambik, Botswana oder Namibia. Der 48-Jährige kennt viele traumhaft schöne Orte in Afrika, zu seinen Lieblingsplätzen zählen auch die Kalahari und das Witsand Nature Reserve. An den weißen Dünen fasziniert ihn vor allem der Mix aus unglaublicher Stille und extremen Vogelgezwitscher.

„In diesem Reservat sieht man auch noch Tiere, die in den großen Parks nicht mehr wahrgenommen werden“, ergänzt Jaco Powell. Zum Beispiel einen Karakal oder Serval. Die äußerst scheuen, mittelgroßen Katzen sind perfekt an das trockene Klima angepasst und stellen für Menschen keine Gefahr dar. Deswegen können Besucher das Naturschutzgebiet auch bequem zu Fuß erkunden. Die größten Tiere des Reservates sind Oryx, Kuhantilopen, Kudu, Springböcke, Duiker und Steinböckchen. Und wer die Natur mit offenen Augen durchwandert und sich Zeit nimmt für die genaue Beobachtung der Bäume, kann zwischen den Blättern auch Chamäleons entdecken. Die Handteller großen Tiere passen sich farblich perfekt ihrer Umgebung an und sitzen meist vollkommen regungslos auf den Ästen. Nicht zu übersehen oder vor allem nicht zu überhören sind dagegen die Grünmeerkatzen. Die Affen bevölkern auf der Suche nach Nahrung gerne die Akazien rund um die Gäste-Chalets. Ansonsten ist das Witsand Nature Reserve ein ideales Terrain zur Vögel Beobachtung. Über 170 verschiedene Arten gibt es in dem Naturschutzgebiet. An einem kleinen Wasserloch steht eine spezielle Beobachtungsstation, die etwas unter Bodenniveau errichtet wurde. Dort können Vogel-Liebhaber Tiere, die die Wasserstelle zum Trinken oder Fressen anfliegen, direkt auf Augenhöhe beobachten. Schautafeln im Innern des Gebäudes informieren über die verschiedenen Arten, die im Witsand Nautre Reserve zu finden sind. Und auch der hinter dem Rezeptionsgebäude beginnende botanische Naturlehrpfad ist zu empfehlen. Auf der drei Kilometer langen Strecke werden 43 verschiedene Pflanzen und Bäume der Region vorgestellt.

Jaco Powell pirscht auf Zehenspitzen durch den feinen Sand. Konzentriert sucht er den Boden vor seinen Füßen ab. Dann geht er in die Hocke und lächelt zufrieden. Mit seiner linken Hand zeigt er auf ein kleines Loch im Boden, das von einigen klebrigen Fäden, in denen sich ein paar Sandkörner verfangen haben, überspannt ist. „Dies ist die Falle einer Bock-Spoor-Spinne“, sagt der Guide. „Das Tier lebt in einem Tunnelsystem in der Erde und hat über seine Fallgrube eine Art Netz gespannt.“ Mit einem Stock zeichnet er den Grundriss des unterirdischen Spinnenhauses – ein bis zu fünfzehn Zentimeter tiefes Tunnelsystem mit mehreren Querstollen – in den Sand. „Von außen betrachtet hat die Fallgrube Ähnlichkeit mit dem Hufabdruck einer Antilope. So ist die Spinne zu ihrem Namen gekommen“, sagt der Guide. Vorsichtig steht er wieder auf und macht er einen großen Bogen um die unterirdische Behausung der Spinne.
Ein paar Meter weiter liegt eine Tischtennisball große Kugel im Sand. „Diese Kugeln aus getrocknetem Dung machen Mistkäfer, um Weibchen zu beeindrucken“, sagt Jaco Powell. Gefällt einem Weibchen die Kugel, rollt das Männchen sie in eine Kuhle und das Weibchen legt darin seine Eier ab und verschwindet. Das Männchen bedeckt danach alles mit Sand und geht ebenfalls. „Die Dung-Kugel dient den Larven als Nahrungsvorrat“, sagt Jaco Powell.
Während der Tour-Guide erzählt, kämpft sich am Fuß der Dünen eine Gruppe Mountain-Biker durch den Sand. Die Fahrräder sind bei der Erkundung der Dünen eine echte Alternative zum Auto. Für Wagemutige stehen an der Park-Rezeption auch einige Sandboards bereit, die auf einer speziell dafür ausgewiesenen Düne ausprobiert werden können. Allerdings ist schon das Hochtragen der Sandboards auf den Dünenkamm eine überaus schweißtreibende Angelegenheit. Denn schon ohne das sperrige Sportgerät in den Händen sinken Besucher mehr als knöcheltief in dem feinen Sand ein. Neigungswinkel von bis zu vierzig Grad tun ihr übriges, um das Erklimmen der weißen Dünen zu einem Kraftakt werden zu lassen.
Da die Tagestemperaturen im Witsand Nature Reserve auf über 35 Grad Celsius steigen können, während die Temperaturen in der Nacht bis an die Null-Grad-Marke absinken, empfiehlt sich die Erkundung der Dünen bei Sonnenaufgang oder am späten Nachmittag, wenn die Sonne die umliegende Kalahari in ein besonders intensives Rot taucht.

Jaco Powell bleibt vor einem unscheinbaren Baum stehen. „Das ist Schwarzdorn. Die Äste enthalten unheimlich viel Fluid. Deswegen putzen sich die San auch die Zähne mit den jungen Trieben dieses Baumes“, sagt der Guide. Mit spitzen Fingern pflückt er einen fingerdicken weißen Kokons aus dem Geäst. „Diese Raupenkokons werden von den Buschleuten gesammelt und auf ein Lederband gezogen. Um das Fußgelenk gebunden rasseln die Kokons dann beim Tanz“, sagt der Guide. Ein paar Meter weiter steht ein ausladender Baum mit Ästen, die fast den Boden berühren. Ein Shepherds Tree, ein Hirtenbaum. „Unter diesen Bäumen verstecken Löwen gerne ihre Jungen, wenn sie auf die Jagd gehen“, sagt Jaco Powell. Mit seinen tief hängenden Ästen bietet der Baum nicht nur Löwen-Nachwuchs sondern auch vielen anderen Tieren der Savanne Schatten und Schutz. Und auch für die Menschen ist der Hirtenbaum von großer Bedeutung. „Im Prinzip ist der gesamte Baum essbar“, sagt der Guide. Die Rinde, die Blätter und die Beeren – alles wird verarbeitet. „Die Farmer kochen aus den Wurzeln sogar eine Art Kaffee“, sagt Jaco Powell und schüttelt angewidert den Kopf. Dann dreht er sich um und stapft weiter durch den weißen Sand. Diesmal geben die Dünen keinen Ton von sich.
INFO:
Unterkünfte: Das Witsand Nature Reserve verfügt über einfache Bungalows (2 Personen, ab 15 Euro pro Person pro Nacht) und Luxus Chalets (2 bis 6 Personen, ab 110 Euro pro Nacht) mit Klimaanlage, eigenem Bad, Wohnzimmer, Küche und zwei Schlafzimmern. Alle Unterkünfte sind in gutem Zustand, schön in die Natur integriert und haben jeweils einen eigenen Braai-Platz. Darüber hinaus verfügt das Witsand Nature Reserve auch über einen Campingplatz. In den Bungalows und Chalets ist nur Selbstversorgung möglich.
Den Gästen stehen drei Swimming Pools zur Verfügung. Außerdem gibt es einen kleinen Kiosk, der allerdings sehr spartanisch ausgestattet ist.
An der Rezeption können gut gepflegte Mountain Bikes und Sandboards gegen eine Gebühr ausgeliehen werden.
Internet:
Mehr Informationen und Buchungen unter www.witsandkalahari.co.za
Deutschsprachige Tipps und Informationen zu Südafrika unter www.southafrica.net
Veröffentlicht in 360°-Afrika-Magazin 03/2019