
Namibia Der Namibier Gebhard ist Baumhüter und zuständig für das Wohl und Wehe des ältesten Affenbrotbaumes seines Landes. Die Gewächse können hunderte Jahre alt werden – und Leben retten.
In dem mächtigen Stamm klafft ein Spalt, groß wie eine Tür. Wer hindurch geht, betritt eine andere Welt, denn im Innern des Baobab (Hier geht es zum Hintergrund über Affenbrotbäume) öffnet sich ein mystischer Raum. Gedämpftes Licht. Stille. Kühle. Fünf, sechs Meter über dem Boden verjüngt sich der Stamm zu einem Gewölbe aus Holz.
„Dieser Raum ist von Menschen gemacht“, sagt Gebhard, der Wächter des Baobab von Ombalantu, einem Landstrich im äußersten Norden Namibias, rund 900 Kilometer von der Hauptstadt Windhoek entfernt. Der schlaksige Mann steht im Eingang zum Innenraum und streicht mit der rechten Hand über die narbige Rinde „seines“ Baumes. Der Stamm des 28 Meter hohen Riesen hat einen Umfang von knapp 27 Metern. „25 Erwachsene die sich an den Händen halten sind nötig, um den Stamm zu umschließen“, sagt Gebhard.

Heute haben in dem Baobab vielleicht zehn bis 15 Menschen Platz. „Früher hat dieser Raum über 40 Menschen Schutz geboten“, sagt Gebhard. „Früher“ bedeutet vor rund 200 Jahren. „Damals haben sich drei Stämme gegen die an diesem Ort siedelnden Ombalantu verbündet“, erklärt Gebhard. In dem Krieg zwischen den Ovambo-Stämmen ging es um Rinder, Weidegründe und Frauen. „Während die Männer kämpften, haben sich Frauen, Kinder und Alte im Innern des Baobab versteckt“, sagt Gebhard, der seit 13 Jahren im „Ombalantu Baobab Heritage Center“ arbeitet.
Die Ovambo gehören zur Familie der Bantu und sind im 16. Jahrhundert aus Zentralafrika ins südliche Angola und nördliche Namibia eingewandert. Heute gibt es acht verschiedene Ovambo-Stämme in Namibia, von denen vier noch einen König haben. Einer davon ist „Tatekulu“ Josia yaShikongo tsha Taapopi, der Herrscher von Uukwaluudhi. Seine Frau, Queen Lisa Nandjala Taapopi (Hier geht es zum Porträt über Queen Lisa), sitzt im Königspalast nahe der Stadt Tsandi unter einem schattigen Dach aus den Blättern der Makalani-Palme. Der Palast ist kreisrund und besteht aus einem Gewirr von engen Gängen, unterschiedlich großen Plätzen und Rundhütten. Abgegrenzt werden die verschiedenen Bereiche durch Zäune aus über zwei Meter hohen Baumstämmen. Betreten wird der Königs-Kral durch einen schmalen Spalt in der äußersten Zaunreihe. „Der Eingang lässt sich gut verteidigen. Außerdem passt da kein Löwe durch“, sagt Hilda, die die Gäste durch den Palast führt.

Wer zum König will, muss sein Anliegen zuerst dem „Kanzler“ vortragen. Je nach Art und schwere des Problems entscheidet dieser, ob der Besucher zum König vorgelassen wird oder nicht. „Im Innersten des Krals befindet sich der Privatbereich des Königspaares“, erklärt Hilda. König und Königin haben jeweils eine Winter- und eine Sommerhütte. Darum reihen sich Wartebereiche für Gäste, Vorratshütten, ein Bezirk für kranke Mitglieder des Königshauses und auch eine spezielle Zone für Krieger. „Hier haben sich die Krieger versammelt, bevor sie in die Schlacht zogen, eine Jungfrau hat ihnen noch eine Mahlzeit serviert“, erklärt Hilda. Doch dieser Bereich ist ebenso wie die privaten Hütten des Königspaares schon lange nicht mehr in Betrieb. Die Monarchen bewohnen heute ein modernes Haus neben dem Palast. Durch einen Spalt im Zaun ist ein zweistöckiger Bungalow aus gelben Ziegelsteinen zu erkennen.
„Mein Mann regelt Rechtsstreitigkeiten, Landfragen und die Festsetzung von Jagd- und Angelzeiten“, erklärt Queen Lisa. Darüber hinaus sorgt der 82-jährige Monarch für die Aufrechterhaltung der Ordnung und des sozialen Friedens. „Häuptlinge und Könige sind ein wichtiges Bindeglied zwischen der Regierung und den traditionellen Gesellschaften“, sagt unser Guide Joe. Queen Lisa nickt und lächelt gnädig. Ihr Mann herrscht schließlich über 42 Dörfer mit knapp 80.000 Untertanen – das sind rund zehn Prozent der Gesamtbevölkerung der Four-O-Region, wie das Ovamboland seit der Unabhängigkeit Namibias am 21. März 1990 offiziell heißt.
Rund 30 Kilometer nördlich des Königspalastes steht der Baobab von Ombalantu. Vor 200 Jahren, als Krieg herrschte in der Region und im Königspalast von Uukwaluudhi Hochbetrieb, war der Baobab von einem hohen Zaun umgeben. „Im Zaun gab es Schießscharten, durch die Angriffe mit Speeren abgewehrt wurden“, erzählt Gebhard. War die Schlacht vorbei, konnten Frauen und Kinder das Versteck im Innern des Baobab wieder verlassen. „Dieser Baum hat viele Leben gerettet“, sagt Gebhard.

Damals gab es den türartigen Spalt, durch den man heute den Baum betritt, allerdings noch nicht. „Der Einstieg war versteckt in der Baumkrone“, sagt Gebhard. Der 38-Jährige zeigt auf die Reste runder Holzsprossen, die sich wie eine Wendeltreppe an der Innenwand des Raumes bis zur Decke schlängeln. „Darüber sind die Menschen in den Baum geklettert. Den heutigen Zugang haben erst die Missionare in den Baum geschnitten“, sagt Gebhard.
Einer der ersten Missionare im Ovamboland war Marti Rautanen, der 1880 ins heutige Namibia kam. Der finnische Priester hat nicht nur die Bibel in die Sprache der Ovambo übersetzt sondern auch ein Oshivambo Wörterbuch erstellt und zwischen deutschen Kolonialbeamten und den Ovambo-Königen vermittelt. In Olukonda ist noch heute die 1889 von Rautanen erbaute Kirche zu sehen. Das schlichte Gebäude mit Fenstern aus Buntglas, Wänden aus Lehm und einem Dach aus Stroh ist die älteste Kirche im Norden des Landes und steht auf der Liste der namibischen Nationaldenkmäler.
Seit September 2011 steht auch der Baobab von Ombalantu auf der Denkmal-Liste. „Dieser Baum ist über 750 Jahre alt und damit der älteste Baobab in Namibia“, sagt Gebhard. „Und er ist der zweitälteste Baobab in Afrika.“ Gebhard blickt in die Runde und lächelt stolz. Der angeblich älteste Baobab des Kontinents, der noch ein paar Jahre mehr auf dem Buckel haben soll als der Baum von Ombalantu, steht auf Madagaskar. Da Affenbrotbäume aber keine Jahresringe haben, ist ihr Alter nur sehr schwer zu bestimmen. Das Alter des Baobab von Ombalantu ist allerdings verbürgt. Finnische Wissenschaftler waren 2015 vor Ort und haben Proben für Laboranalysen genommen. Im Herbst 2017 kam dann das Ergebnis der Forscher: Seit mindestens 750 Jahren steht der Baumriese in der sandigen Ebene unweit der angolanischen Grenze.

Gebhard klopft mit beiden Händen an den Stamm. „Dieser Baum hat schon so viel erlebt – wenn er reden könnte“, sagt er nachdenklich. Dann würde er wohl auch von der Zeit erzählen, als der Innenraum des Baumes das erste Postamt von Outapi war. „Hier wurden Briefe und Pakete für das gesamte westliche Ovamboland aufbewahrt“, sagt der 38-Jährige.
Auch vom Unabhängigkeitskrieg könnte der Baobab berichten, der über 20 Jahre in den sandigen Ebenen der Region ausgefochten wurde. Ein Relikt aus dieser Zeit ist das „Outapi War Museum“, das in einem alten Stützpunkt der südafrikanischen Armee untergebracht ist. Die Wellblechröhren sind zur Tarnung halb in die Erde eingegraben und waren Unterkunft und Kommandozentrale zugleich. Bilder an den Wänden der halbdunklen, muffigen Räume und staubige Glasvitrinen voll verbeulter Blechtöpfe, Patronenhülsen, rostiger Gewehre und leerer Schnapsflaschen erzählen vom Kriegsalltag.

Das Museum ist nur einen Steinwurf von dem Baobab entfernt, der während des Krieges Teil des Stützpunktes war. „In dieser Zeit hat der Baum als Bar, Kapelle und auch als Gefängnis gedient“, erklärt Gebhard. Er zeigt links neben dem Eingang. Schemenhaft sind dort in den Stamm geschnitzte Namen und Jahreszahlen zu erkennen. „Rudi 1977“ steht in kantigen Buchstaben an der Wand. Daneben haben sich Eric und Sam im Stamm verewigt. Ein Stück entfernt hat „Capt. T.“ seine Initialen in den Stamm geschnitzt.
Heute ist der älteste Baobab Namibias ein Museum und soll Besucher in das abseits der ausgetretenen Touristenpfade liegende Ovamboland locken. Mit rund 800.000 Menschen lebt fast die Hälfte aller Namibier in dem Gebiet nördlich des Etosha Nationalparks.

Auch Gebhard wünscht sich mehr Touristen im Ovamboland, die seinen geschichtsträchtigen Baum besuchen. Aber zu viele sollen es auch nicht sein, damit der Jahrhunderte alte Baum nicht unter den Besuchern leidet. „Der Baobab ist sehr empfindlich und wächst in diesem Alter nur noch drei bis vier Millimeter im Jahr“, sagt Gebhard und streicht liebevoll über die Rinde des Stammes. Ständig ist der 38-Jährige in Sorge, dass der Baum eingehen könnte – auch wenn Baobabs angeblich bis zu 3000 Jahre alten werden. Als der Jeep mit den Besuchern vom Hof rollt, winkt Gebhard dem Wagen nur kurz hinterher. Dann wendet er sich ab, stemmt die Hände in die Seiten, wirft den Kopf in den Nacken und mustert „seinen“ Baum Zentimeter für Zentimeter.
Einen Hintergrund zu den Affenbrotbäumen finden Sie hier: Warum die Hyäne Schuld am Aussehen des Baobab ist
Ein ausführliches Porträt über Queen Lisa finden Sie hier: Eine Queen mit Vorliebe für deutsche Schnellzüge
2006 war ich schon einmal im Ovamboland unterwegs. Hier geht es zur Reportage „Hinter dem Zaum fängt Afrika erst richtig an“
Veröffentlich in „Südwest Presse“, März 2018