Ruanda. Der Völkermord an den Tutsi in Ruanda hat vor 20 Jahren die Welt erschüttert. In nur drei Monaten verloren rund 800.000 Menschen ihr Leben. Bis heute leidet das ostafrikanische Land unter den Folgen.
Das Grauen begann am Abend des 6. April 1994 mit einem gezielten Schuss: Als sich die Maschine des ruandischen Präsidenten Juvenal Habyarimana – einem Hutu – gegen 20.20 Uhr Ortszeit im Landeanflug auf den Flughafen der ruandischen Hauptstadt Kigali befand, zerfetzte eine Boden-Luft-Rakete den Regierungsflieger. Obwohl über die Drahtzieher bis heute gerätselt wird, machten staatliche Medien schnell die verhasste Tutsi-Minderheit für das Attentat, das zu dem grausamsten Genozid seit der Judenvernichtung durch die Nazis und den Killing Fields der Roten Khmer in Kambodscha führte, verantwortlich.
Nur Stunden nach dem Tod des ruandischen Präsidenten zogen seine Leibgarde, vom Rundfunk aufgehetzte Bürger und die Interahamwe – radikale Hutu-Milizen – mordend, brandschatzend und vergewaltigend durch Kigali. Ihr Ziel: die Minderheit der Tutsi – damals knapp elf Prozent der ruandischen Bevölkerung – endgültig auszulöschen. „Macht weiter! Die Gräber sind noch nicht voll!“, hetzte der nationale Rundfunk in den Tagen danach den berauschten Mob in den Städten und Dörfern immer weiter auf.
Binnen einer Woche stand das ganze Land in Flammen. Bis zum Juli, als die Tutsi-Rebellen der Ruandischen Patriotischen Front (RPF) des amtierenden Präsidenten Paul Kagame von Uganda aus Ruanda zurückerobert und genau 100 Tage nach Beginn des Mordens in Kigali einmarschiert waren, fielen rund 800.000 Menschen – schätzungsweise drei Viertel bis 90 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi – dem Gemetzel mit Macheten, Speeren und Knüppeln zum Opfer.
Die rund 300.000 Überlebenden der barbarischen Gräueltaten – viele von ihnen bis heute schwer traumatisiert – berichteten von gefolterten, verstümmelten und zerhackten Leibern, vergewaltigten und aufgespießten Frauen, von an Hausmauern zerschmetterten Baby-Körpern. Dabei wurden auch Menschen, die vor ihren Peinigern in Kirchen Schutz gesucht hatten, nicht verschont und oft bei lebendigem Leib in den Gotteshäusern verbrannt.
Auch 20 Jahre später ist die juristische Aufarbeitung des Genozids noch nicht abgeschlossen. Seit 1996 befasst sich ein von den Vereinten Nationen eingerichteter Strafgerichtshof (ICTR) im tansanischen Arusha mit dem Völkermord. 32 Fälle gegen die Hauptverantwortlichen aus Medien, Militär und Politik sind bislang abgeschlossen, weitere zehn werden noch verhandelt.
Und auch außerhalb Afrikas wird den geflohenen Drahtziehern der Gräueltaten wie dem ehemaligen Bürgermeister von Kiziguro, Onesphore R, der Prozess gemacht. Weil er ein Kirchenmassaker befehligt haben soll, wurde der 56-jährige Ruander vor dem Frankfurter Oberlandesgericht erst am 18. Februar 2014 zu 14 Jahren Haft wegen Beihilfe zum Genozid verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sich der Angeklagte, der seit 2002 als Asylbewerber in Deutschland lebt, mitschuldig am Tod von rund 400 Menschen gemacht hat. Ursprünglich hatte ihm die Anklage den Tod von 3700 Menschen vorgeworfen.
Dabei geschah der Ausbruch der Gewalt im April 1994 nicht plötzlich, denn das Morden war lange und gut vorbereitet. Schon Monate vor dem 6. April hatte der Leiter der Blauhelmtruppe der Vereinten Nationen, Generalmajor Romeo Dallaire, die Einsatzzentrale in New York vor einer Eskalation der Gewalt im „Land der tausend Hügel“ gewarnt. Der Kanadier, der mit seiner Truppe den brüchigen Frieden und den 1993 im tansanischen Arusha ausgehandelten Übergang in die Demokratie absichern sollte, berichtete von heimlich angelegten Waffenlagern, sich formierenden Todesschwadronen und langen Mordlisten. Dennoch blieb die Weltgemeinschaft untätig. Die überforderten und für ein robustes Mandat nicht ausgestatteten 2500 Blauhelme wurden zwei Wochen nach Beginn des Bürgerkriegs sogar bis auf ein 270 Mann starkes Kontingent aus dem ostafrikanischen Land abgezogen, um dann Mitte Mai aufgestockt auf 5500 Kräfte und unterstützt von französischen Soldaten wieder zurückzukehren. Doch da war das Morden schon fast vorbei.
„Die Geschichte von Ruanda 1994 ist eine Geschichte von Verrat, Versagen, Naivität, Gleichgültigkeit, Hass, Völkermord, Unmenschlichkeit und des Bösen“, schreibt Dallaire später in seinem Buch „Handschlag mit dem Teufel“. Der Völkermord in Ruanda gehört zweifelsohne zu den dunkelsten Kapiteln in der Geschichte der Vereinten Nationen. Dabei war der Genozid das Ergebnis eines Konfliktes zwischen den beiden ethnischen Volksgruppen der Hutu und Tutsi, dessen Wurzeln bis in die Kolonialzeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurückreichen. Schon während der deutschen Kolonialzeit und später auch während der belgischen Herrschaft über das ruandische Tutsi-Königreich, hatten die Europäer die herrschenden Tutsi-Eliten bevorzugt und gezielt gefördert. So konnten beispielsweise nur Tutsi Karriere in der belgischen Kolonialverwaltung machen. All dies, kombiniert mit dem Bevölkerungsdruck in dem kleinen Agrarland und dem Verteilungskampf um die knappen Ressourcen führte zu über Jahrzehnten aufgestauten Rassismus, Hass und Neid.
Als die Hutu-Bevölkerungsmehrheit 1959 im Zuge der Unabhängigkeitsbestrebungen die Macht übernahm, kam es schnell zu ersten Massakern und Übergriffen gegen Tutsi. Deshalb flohen bereits in den 1960er Jahren große Teile der Tutsi-Minderheit in Nachbarländer, vor allem in den Süden Ugandas. Unter den Flüchtlingen waren auch die Eltern des Rebellenführers und derzeitigen Präsidenten Ruandas, Paul Kagame. Die trostlosen Lager waren der Nährboden für die Rebellenarmee der RPF. Vom Exil in Uganda aus kämpfte sie seit 1990 gegen die ruandische Hutu-Regierung, um die Teilhabe der Tutsi an der Politik des Landes durchzusetzen. Nach dem 1993 vermittelten Friedensabkommen von Arusha sah es für kurze Zeit so aus, als ob es zu einer Einigung zwischen Tutsi-Rebellen und der ruandischen Hutu-Regierung kommen würde – zumindest bis zum 6. April 1994.
Nach ihrer Machtübernahme im Juli 1994 leitete die Tutsi-Regierung dann einen tiefgreifenden Aussöhnungsprozess ein, der neben der juristischen Aufarbeitung der Verbrechen auch in der Gesellschaft die ethno-sozialen Gegensätze zwischen Hutu und Tutsi überwinden und eine übergreifende nationale Identität fördern sollte. Heute lernen die Kinder bereits in der Schule, dass alle – egal ob Hutu oder Tutsi – Ruander sind. Dabei wird auch der Völkermord nicht verschwiegen. Im Gegenteil: Am 20. Jahrestag des Genozids wird im ganzen Land den Opfern der 100 Tage von 1994 gedacht. Neben dem Kigali Memorial Center gibt es auch an anderen Massaker-Gedenkstätten Zeremonien. Eine Woche lang dürfen keine Hochzeiten stattfinden, Nachtclubs und Bars bleiben geschlossen. Und bereits seit Januar wird eine „Flamme der Hoffnung“ als Zeichen der Versöhnung durch das Land getragen.
Durch den konsequent betriebenen Aussöhnungsprozess und auch durch die wirtschaftliche Entwicklung des Landes – Ruanda ist mit seiner guten Infrastruktur und den gläsernen Bürotürmen auf dem Weg zu einem IT-Zentrum der Region – hat sich das „Land der tausend Hügel“ mittlerweile zum Vorzeigestaat in Ostafrika gemausert.
Das ist auch ein Verdienst von Paul Kagame. Seit 2000 Präsident von Ruanda, wurde er 2010 mit über 93 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt und im selben Jahr von der Weltbank als weltweit einer der wichtigsten Reformer geadelt. Dennoch werfen der Regierungsstil des Präsidenten und die politische Kultur Ruandas einen Schatten auf die Entwicklung des Landes: Es leidet unter Kagames autoritärem Führungsstil und macht auf dem Weg der Demokratisierung seit Jahren nicht wirklich Fortschritte.
Und auch an anderer Stelle schlummert sozialer Sprengstoff – der ethnische Konflikt zwischen Hutu und Tutsi wird auch weiterhin mit Waffengewalt ausgetragen. Zwar nicht in Ruanda, aber in der angrenzenden Kivu-Region des Ostkongo. Dorthin waren im Juli 1994 Zehntausende Anhänger der Hutu-Regierung und Mitglieder der radikalen Miliz geflohen. Bis heute kämpfen sie in dem unwegsamen Gelände gegen von der ruandischen Regierung unterstützte Tutsi-Rebellen. Neben dem seit Jahrzehnten gewachsenen Hass zwischen den Ethnien geht es im aktuellen Konflikt aber auch um handfeste wirtschaftliche Interessen, denn der Ostkongo ist gesegnet mit wertvollen Bodenschätzen wie Coltan und Gold.
Veröffentlicht im „Mannheimer Morgen“, 4. April 2014