Südafrika. Im Namaqualand, im äußersten Nordwesten Südafrikas, sind Besucher nicht auf Safari nach Löwe oder Giraffe, sondern auf der Suche nach der bunten Blütenpracht von Ursinia und Co.
Jedes Jahr im Frühling verwandelt sich die Halbwüste für kurze Zeit in ein atemberaubendes Blütenmeer. Und der beste Weg, dieses kennenzulernen, ist auf den Knien – glaubt man Karel du Toit. Vorsichtig streift der Kriminalkommissar durch die hüfthohe Vegetation, den Blick starr auf den Boden gerichtet. Man könnte meinen, du Toit ist dienstlich an der unwirtlichen Atlantikküste unterwegs. Dabei frönt der Polizist aus dem knapp 250 Kilometer entfernten Springbok seiner Leidenschaft – und das sind Sukkulenten. Die saftreichen, an besondere Klima- und Bodenverhältnisse angepassten Pflanzen blühen überall in prächtigen Farben – mal leuchtend gelb, in knalligem Orange oder in einem kräftigen Violett. Es gibt aber auch winzige und unscheinbare Gewächse wie Crassula hirtipes aus der Familie der Dickblätter. Karel du Toit hat die rubinrote, knopfgroße Pflanze in einer Felsspalte entdeckt. „Manche Gewächse brauchen ein Menschenalter, um auf ein paar Zentimeter Größe heranzuwachsen“, sagt er.
Allein hier in der Küstenzone des Namaqualandes, rund fünf Autostunden nördlich von Kapstadt, gibt es 1300 verschiedene Pflanzen. Entdecken können Touristen diese einzigartige Flora und Fauna bei Wander-, Mountainbike- oder Geländewagentouren im 150 000 Hektar großen Namaqua National Park. Campingplätze und ein paar Lodges bieten Unterkünfte in der dünn besiedelten und rauen Nordkap-Provinz. „Euphorbia Karroensis“, murmelt du Toit. „Das ist hier die am meisten verbreitete Art.“ Wie alle anderen Pflanzen aus der Gattung Euphorbia – der Wolfsmilchgewächse – hat auch diese eine giftige Flüssigkeit in sich. „Die haben sich die Siedler früher auf die Räder ihrer Ochsenwagen geschmiert, damit diese an Steigungen nicht wegrutschen“, erzähltdu Toit. Obwohl im Namaqualand das ganze Jahr über irgendetwas blüht, bietet sich Besuchern im Frühling von August bis Oktober das spektakulärste Bild. Dann verwandeln sich die Hügel des Nationalparks im Hinterland der Atlantikküste in ein Meer aus Blüten.
„Schuld“ an der Farbexplosion ist unter anderem Ursinia, eine kleine orangefarbene Blume, die zur Familie der G.nseblümchen gehört. „Die beste Zeit für einen Besuch ist August“, sagt Parkmanager Bernard van Lente. Aber so genau kann er das auch nicht sagen, denn die Blütenpracht ist abhängig vom Regen. Und der fällt in der Region mit 50 bis 100 Millimeter pro Jahr eher spärlich. Außerhalb des 2001 gegründeten Nationalparks findet man die Gänseblümchen dagegen nur vereinzelt. „Die Farmer ernten die Blumen von den Feldern, denn für Schafe ist Ursinia eine Delikatesse“, erklärt van Lente, der eigentlich Meeresbiologe ist, sich aber seit Jahren dem Schutz der einzigartigen Flora und Fauna in der Nordkap-Provinz widmet.
Karel du Toit hat im Gestrüpp hinter dem Namaqua Flower Beach Camp auch eine Delikatesse entdeckt. „Griedum grandiflorum“, murmelt er und kniet sich vorsichtig hin. Die Blume ist nur ein paar Zentimeter hoch und hat eine blassgelbe Blüte. „Die Nama essen ihre Wurzeln und wir haben das als Kinder auch immer gemacht“, sagt du Toit und fängt vorsichtig an zu graben. Nach kurzer Zeit hält er die längliche Wurzel in den Händen. Fast zärtlich zupft er Blätter und Blüte ab, dann putzt er vorsichtig den Sand von der Rinde und beißt in die ingwerartige Knolle mit schleimig feuchter Konsistenz. Seine Gäste halten sich da lieber an Lammsteaks und Würstchen, die über dem Lagerfeuer des Beach-Camps brutzeln und verführerisch duften. Lediglich 30 Tage im Jahr, zur Hauptblüte im Nationalpark, werden die moosgrünen Safari-Unterkünfte mit eigenen Dusch- und Ankleidezelten direkt zwischen den Felsen an der Atlantikküste aufgebaut. Ein Feldbett mit Heizdecke und der morgendliche Tee-ans-Zelt-Service sind dabei der pure, aber auch einzige Luxus in der lebensfeindlichen Umgebung.
Doch mehr ist auch gar nicht nötig, denn das rhythmische Tosen der Brandung entschleunigt die Gäste schon nach wenigen Stunden und öffnet den Blick für das Wesentliche: Das sind nicht das sowieso nutzlose Handy oder iPad, sondern donnernde Wellen, schäumende Gischt, traumhafte Sonnenuntergänge und leuchtend bunte Blumen.
Veröffentlicht im „Mannheimer Morgen“, 19. Oktober 2013
Tipps und Adressen:
Anreise mit South African Airways von Frankfurt über Johannesburg nach Upington ab.
Allgemeine Informationen zum Namaqua National Park sowie Preise und Reservierungen zum Namaqua Flowers Beach Camp gibt es im Internet unter www.sanparks.org oder www.chiefstentedcamp.co.za
Die beste Reisezeit ist der Frühling von August bis Oktober. Die Hauptblüte ist in der Regel von Anfang August bis Anfang September.
Weitere Infos im Internet: www.northerncape.org.za
Für die Einreise nach Südafrika benötigen Deutsche kein Visum, aber einen Reisepass mit mindestens zwei freien Seiten und einer Gültigkeit von 30 Tagen bei Ausreise.