Uganda. Am Stadtrand von Kampala steht zwischen kleinen Häusern aus nackten Ziegeln und Wellblech ein moderner Komplex aus Glas und Beton. Quality Chemical Industries ist der ganze Stolz der ugandischen Regierung. In der Fabrik werden Präparate gegen Malaria und AIDS – den häufigsten Todesursachen in Uganda – hergestellt.
Der Besucher fühlt sich wie auf einem anderen Stern. Lautlos gleitet der hektische Alltag der ugandischen Hauptstadt an den getönten Scheiben vorbei. Auch die tropische Hitze hat keine Chance. Es ist angenehm kühl. Weiße Schutzanzüge und Kappen werden verteilt. Noch einmal kommt die höfliche Aufforderung, die Hände zu desinfizieren. Es ist das dritte Mal seit der Ankunft. Dann öffnet sich die Schleuse.
Der Produktionsbereich ist kahl und still. Nur die Klimaanlagen surren. „Seit Februar 2009 produzieren wir hier Lumardin gegen Malaria und Duovir-N , ein Präparat, das in der AIDS-Medikation eingesetzt wird“, erklärt der Chemiker Kule Moses. Vorbei an Lagerräumen und Verpackungsstationen geht es in das Herz der Fabrik, die Produktionsstraße im ersten Stock. „Das Rohmaterial kommt aus Indien, den USA und aus Deutschland“, erklärt Moses. Über spezielle Lifte, die einen Kontakt mit Menschen ausschließen, werden die Stoffe in die Produktionshallen gebracht.
Auch in Uganda ist – wie fast überall auf dem Kontinent – AIDS eine der häufigsten Todesursachen. Etwa sechs Prozent der rund 38 Millionen Einwohner des ostafrikanischen Landes gelten als infiziert. Schätzungsweise zwei Millionen Aidswaisen leben hier. Erschreckende Zahlen, und doch kann das Land Erfolge im Kampf gegen Aids vermelden. Der Anteil der HIV Infizierten an der Bevölkerung ist von 15% Jahr 1992 auf sechs Prozent gesunken. Als einer der ersten afrikanischen Staatsoberhäupter überhaupt hat der heute noch regierende Präsident Museveni das Problem Aids Ende der 80er Jahre offen angesprochen. In Anspielung auf Rinder, die auch nur auf der eigenen Weide grasen sollten, ermahnte er die Männer zur Treue. Der Vergleich wurde auch von der Landbevölkerung verstanden. Parallel zur konsequenten öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Thema entstanden überall im Land lokale Aids-Zentren, in denen Kranke betreut und Aufklärung betrieben wurde.
„Nach unseren ersten Erfolgen im Kampf gegen AIDS haben wir die Fabrik gebaut, um alle Bürger, die Medikamente brauchen, auch versorgen zu können“, erklärt Ugandas Vizepräsident Gilbert Bukenya. Bislang kamen die dringend benötigten Medikamente nur über Spenden ins Land, da die Regierung für den Kauf der teuren Präparate aus Europa und Amerika kein Geld hat. Doch die Dosen, die ins Land kamen, reichten nur für einen Bruchteil der Infizierten.
„Die Fabrik ist wichtig für unser Gesundheitssystem. So werden die Kosten für Medikamente reduziert, und mehr Menschen können versorgt werden“, erklärt Jane Bosa-Ssewunnyana, die Direktorin des Gesundheitsservice an der Makerere-Universität von Kampala. „Bislang hat eine AIDS-Therapie rund 3.000 US-$ pro Person im Monat gekostet. Durch die Produktion im Land werden die Kosten auf rund neun US-$ im Monat gedrückt“, sagt die Medizinerin.
In den Produktionshallen glänzt der Stahl der Technik aus Deutschland. „Die sind von Siemens“, sagt Moses und streicht fast zärtlich über eine Maschine. Kleine Pillen laufen über ein Förderband. Drei Mitarbeiter in weißen Schutzanzügen überwachen den Betrieb. Insgesamt 220 Menschen arbeiten in der Anlage. Die Rezeptur für die Präparate dagegen kommen nicht aus Europa sondern von einem der weltweit größten Generika-Hersteller – von Cipla aus Indien. „Wir sind die einzige Fabrik in Afrika, die Medikamente für die Dreifachtherapie herstellt“, sagt Marketing- Manager Geoffrey Nalima.
Bei der sogenannten Dreifachtherapie, bei der drei verschiedene Wirkstoffe kombiniert werden, nimmt die Zahl der Viren im Blut bis an die Grenze zur Nachweisbarkeit ab. „Durch diese Medikamente geht es den Infizierten viel besser, Begleitinfektionen sind seltener und viele Patienten können wieder zur Arbeit zu gehen oder sich um ihre Familien kümmern“, sagt Jane Bosa-Ssewunnyana von der Makerere Universität.
Bislang hat die Fabrik nur ein WHO-Zertifikat für den ugandischen Markt. Gekauft werden die Tabletten von der Regierung, die sie dann kostenlos an Bedürftige abgibt. Dafür wurden 2010 rund 25 Millionen US-$ im Haushalt bereitgestellt. „Noch ist das Land unser einziger Kunde“, sagt Nalima. Doch die Fabrik, an der der ugandische Staat mit 22% beteiligt ist, hat ehrgeizige Ziele. Wir wollen als erstes nach Kenia expandieren“, sagt Nalima. Hier läuft der Zertifizierungsprozess bereits. In Zukunft, so hofft man, will man in Kampala für ganz Ostafrika zu produzieren.
In einer zweiten Ausbaustufe, die innerhalb der nächsten drei Jahre geplant ist, sollen auch die Pflanzen für die Inhaltsstoffe im Land gezüchtet werden. „Der Kauf der Rohstoffe ist der höchste Kostenpunkt“, so Nalima. Die klimatischen Bedingungen jedenfalls wären ideal in dem tropischen Land am Äquator. Und auch die lokale Landwirtschaft würde von dem Projekt profitieren. „Wenn das umgesetzt ist, arbeiten hier über 800 Menschen“, sagt der Marketing Manager und zeigt in die weitläufige Produktionshalle. Platz für weitere Maschinen ist jedenfalls vorhanden.
Veröffentlicht in der „Afrika Post“, 16. Juli 2010