Afrikas Hoffnung versinkt im Chaos von Gewalt und Stammeskriegen

Kenia. Die Bilder erinnern an Ruanda: Mit Macheten bewaffnete Banden ziehen durch die Straßen von Kenias Hauptstadt Nairobi. Sie plündern, morden, zerstören. Bislang galt das Land als Musterknabe Afrikas und Stabilitätsfaktor im kriegsgebeutelten Osten des Kontinents. Jetzt droht das Land im Bürgerkrieg zu versinken.

Dabei hatte der kenianische Außenminister Raphael Tuju noch im Sommer 2007 auf dem Gipfeltreffen der ostafrikanischen Staatschefs selbstbewusst verkündet, Kenia sei nicht Afrika. Gemeint hatte er die blutigen Konflikte in Kongo und Darfur, die Anarchie im nördlichen Nachbarland Somalia und die menschenverachtende Diktatur eines Robert Mugabe in Simbabwe. Sein Land dagegen sei eine beständige Erfolgsgeschichte, so der Minister. Kenia, das in etwa so groß ist wie die iberische Halbinsel, habe keine Militärputsche, keinen Bürgerkrieg und auch keine sozialistischen Experimente, so der Minister.

Stattdessen stehe das auch bei Deutschen beliebte Reiseziel am Indischen Ozean für Marktwirtschaft, Demokratie und den westeuropäischen Wertekanon. Und auch unabhängige Experten prophezeiten Kenia zusammen mit Südafrika und Ghana eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung des gesamten Kontinents. „Wir haben aus den Fehlern unserer Nachbarn gelernt“, hatte Tuju daher auf dem Gipfeltreffen stolz verkündet.

Heute, ein halbes halbes Jahr später und eine Woche nach den umstrittenen Wahlen, zeigt Kenia sein afrikanisches Gesicht. Das heißt: Das Recht des Stärkeren zählt mehr als das Ergebnis an den Wahlurnen. In einer noch im wesentlichen durch Stammesdenken geprägten Gesellschaft sorgt dies für zusätzlichen Sprengstoff. Im benachbarten Ruanda hat der Kampf um Macht und Einfluss zwischen zwei seit Generationen verfeindeten Stämmen 1994 für einen  Völkermord gesorgt. Innerhalb weniger Wochen fielen Hunderttausende im Krieg der Hutu gegen die Tutsi dem Hass zum Opfer.

Auch aus Kenia berichten Augenzeugen von Massakern zwischen rivalisierenden Stämmen. Die Unruhen nach der Wahl vom 27. Dezember weiten sich zu einem Stammeskrieg aus. Damit die Bilder von den grausam verstümmelten Opfern nicht um die Welt gehen, hat die kenianische Regierung eine Nachrichtensperre verhängt und sogar das Verschicken von SMS mit politischem Inhalt unter Strafe gestellt.

Rund 40 verschiedene Volksgruppen gibt es in Kenia. Den mit 21 Prozent größten Anteil stellen die Kikuyu, zu denen auch Präsident Kibaki gehört. Sein Herausforderer Raila Odinga, der bis 2006 als Bauminister im Kabinett Kibaki saß, dann aber wegen mangelnder Loyalität entlassen wurde, gehört zur Volksgruppe der Luo. Seiten Jahren konkurrieren beide Stämme um die Macht im Land. Und noch im Wahlkampf hatte Odinga Präsident Kibaki vorgeworfen, seinen Stamm bei der Verteilung von Posten in Regierung und Wirtschaft zu bevorzugen.

Tatsächlich gehört Kenia zu den korruptesten Staaten der Welt. Auf dem jährlich erstellten Transparency International Index rangiert Kenia aktuell auf Platz 144 – von insgesamt 159 gelisteten Ländern. Dabei war Präsident Mwai Kibaki 2002 mit dem Versprechen angetreten, die Korruption im Land aufs Schärfste zu bekämpfen. Damals hatte Kenia, das bis zu seiner Unabhängigkeit 1963 als Kronkolonie zum britischen Weltreich gehörte, gerade die 20 Jahre währende Diktatur des Daniel Arap Moi hinter sich gebracht.

Seit seinem Amtsantritt konnte Präsident Kibaki zwar ein stetes Wirtschaftswachstum vorweisen. Das ist bei der einfachen Bevölkerung aber nicht angekommen, denn noch immer lebt mehr als die Hälfte der Menschen in bitterer Armut. Trotzdem gilt Kenia heute als das industriell am besten entwickelte und stabilste Land im östlichen Afrika. Nicht nur der Tourismus – Devisenbringer Nummer zwei – hat die Volkswirtschaft wachsen lassen. Auch die Exporte, hauptsächlich landwirtschaftliche Produkte, steigen beständig. Dabei hat sich Mombasa zum größten Überseehafen Afrikas entwickelt. Hier werden nicht nur die Waren aus Kenia umgeschlagen, sondern auch die benachbarten Binnenländer Uganda, Ruanda, Burundi und der Osten der Demokratischen Republik Kongo mit Rohstoffen und Lebensmitteln versorgt. Außerdem haben viele internationale Hilfsorganisationen und auch die Vereinten Nationen hier ihre Basislager mit Lebensmitteln und technischen Geräten aufgeschlagen, um bei humanitären Katastrophen auf dem Kontinent schnell reagieren zu können. Womöglich ist Kenia ihr nächstes Ziel.

Veröffentlicht im „Mannheimer Morgen“, 03. Januar 2008

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