„Hinter dem Zaun fängt Afrika richtig an“

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Namibia. Das Tor am Veterinärzaun wird wie eine Staatsgrenze bewacht. Acht Polizisten in braunen Militäruniformen kontrollieren jedes Fahrzeug, fragen nach Ziel und Ladung. Denn wer den Kontrollpunkt bei Oshivelo nördlich der namibischen Minenstadt Tsumeb passiert, betritt eine andere Welt. „Hinter dem Zaun fängt Afrika richtig an“, heißt es in Windhoek.

Tatsächlich hat das Bild hier im Ovamboland, das nordöstlich des Etoscha-Nationalparks beginnt und bis nach Angola reicht, nichts gemein mit den sauberen und aufgeräumten Städten und Dörfern in den übrigen Landesteilen. Umgeben von abgeernteten Hirsefeldern stehen runde Lehmhütten mit Strohdächern, die sich hinter hohen Zäunen aus spitzen Pfählen ducken. Vor den aus Wellblech zusammengezimmerten Shops hocken Männer und Frauen im Schatten der schiefen Wände. Die meisten verkaufen Alkohol, manche Fleisch, andere ein wenig Gemüse – je nachdem, was der Boden hergibt. Leere Flaschen, rostige Dosen und vom Wind zerfressene Plastiktüten liegen im Staub. Autofahrer, die auf der B 1, deren Asphaltband Namibia von Südafrika bis Angola durchschneidet, unterwegs sind, müssen immer wieder Rindern, Ziegen und Eseln ausweichen. Nur missmutig machen die Tiere den Wagen Platz.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAObwohl die Ovambo mit 900 000 Stammesmitgliedern rund 50 Prozent der namibischen Bevölkerung stellen, ist die Region abgekoppelt von der Entwicklung des restlichen Staates. Dabei wählen nahezu alle Ovambo die Regierungspartei SWAPO. Die hat ihre Wurzeln hier im Norden. 1957 als „Ovamboland People’s Congress“ gegründet, wurde sie später von Ex-Präsident Sam Nujoma in die South West African People’s Organisation – kurz SWAPO – ausgeweitet. Dementsprechend hoch war auch der Einsatz der Ovambo im Unabhängigkeitskrieg gegen Südafrika. Kein anderer Teil Namibias ist so vom Freiheitskampf in Mitleidenschaft gezogen worden. Tausende Ovambo ließen dabei ihr Leben. Schätzungsweise 50 000 flohen nach Angola ins Exil, während im Busch die PLAN-Kämpfer, der bewaffnete Arm der SWAPO, in Guerilla-Taktik um Namibias Unabhängigkeit fochten. Die PLAN-Veteranen werden dafür hier noch heute als Helden verehrt, doch im modernen Namibia – südlich des Veterinärzauns – ist für die alten Kämpfer kein Platz mehr. 16 Jahre nach der Unabhängigkeit streiten sie immer noch mit der Regierung um Renten und Abfindungen.

Im Gegensatz zum Rest des Landes hat mit dem Rückzug der Südafrikaner die Infrastruktur im Ovamboland gelitten, die Zustände in den Schulen und Krankenhäusern haben sich verschlechtert. Dabei hat die namibische Regierung in den letzten Jahren – quasi als Lohn für den Kriegsdienst – Millionen Namibia-Dollar in den Ausbau der Infrastruktur gepumpt. Trotzdem lebt der große Teil der Ovambo noch immer ohne Strom und fließendes Wasser. Dafür gibt es jetzt aber eine gut geteerte Straße zum Geburtsort des Ex-Präsidenten Sam Nujoma und Handy-Empfang auch in den abgelegenen Dörfern. Doch das nützt den Menschen, die vom Ertrag ihrer Felder und dem Tauschhandel leben, wenig.

Die Grenze zwischen den vier Ovambo- Regionen Omusati, Oshana, Ohangwena und Oshikoto und dem Rest des Landes bildet bis heute der Veterinärzaun, der Namibia von Ost nach West durchschneidet. 1896, als zum ersten Mal die Rinderpest den Südwesten Afrikas heimgesucht hat, wurde der auch als „Rote Linie“ bezeichnete Zaun zum Schutz vor den Tierkrankheiten gebaut. Heute dient er zur Abwehr der Maul-und-Klauen-Seuche. Die hat es im Ovamboland zwar seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben, doch internationale Bestimmungen für die Tier- und Fleischausfuhr schreiben den Zaun weiterhin vor, da Namibias Grenze zu Angola durchlässig ist und die meisten Rinder beim nördlichen Nachbarn nicht geimpft sind.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Dabei hatte der Zaun zur Zeit der südafrikanischen Apartheid noch eine zweite Funktion, nämlich die im Norden lebenden Stämme vom „weißen“ Süden des Landes fernzuhalten. Bis 1977 durfte kein Ovambo den Zaun ohne Genehmigung – zum Beispiel wegen eines Arbeitsvertrags – in südlicher Richtung passieren. Heute ist das Land nördlich der „Roten Linie“ in der Hand des Staates. Vor Ort verteilen aber die Häuptlinge das Land an ihre Dorfgemeinschaften; Grunderwerb ist noch immer nicht möglich. Nicht zuletzt deshalb treffen hier wie sonst nirgendwo das traditionelle und das moderne Namibia aufeinander.

Besonders deutlich wird dies an diesem Tag in Omutsewonime, wo sich das ganze Dorf zu einer Buschhochzeit versammelt hat. Venasiu, die Braut, wird in einem strahlend weißen Kleid auf der Ladefläche eines japanischen Pickups vor der Kirche vorgefahren. Ihre Hände stecken in dünnen, durchsichtigen Spitzenhandschuhen. Hinter der jungen Frau drängt sich die Hochzeitsgesellschaft auf der Ladefläche. Die Männer tragen Anzüge und Krawatten, die Frauen dagegen haben ihre traditionellen, langen bunten Gewänder an. Um die Lenden haben sie breite Gürtel aus bunten Glasperlen geschlungen – ein Zeichen von Wohlstand. Und an Kordeln um den Hals baumeln Handys.

Ein Junge schlägt mit einem Stock auf eine alte Autofelge, die an einem Seil neben der Kirche hängt – eine Glocke gibt es nicht. Das Gotteshaus selbst besteht nur aus ein paar in den Sand gerammten Stützpfeilern, die ein Dach aus verbogenem Wellblech tragen. Irgendjemand hat darauf ein Kreuz aus Dachlatten gezimmert. Horizontal an die Stützpfeiler genagelte Wellbleche bilden die Kopf- und Stirnseiten. Seitenwände fehlen ebenso wie Kirchenbänke und ein Priester. Ein beschriftetes Bettlaken mit aufgemalten Trauringen in einem roten Herz, hinter dem Paar an die rostige Wellblechwand gehängt, ist der einzige Schmuck. Während sich die Hochzeitsgemeinde auf alte Baumstümpfe hockt, beginnen die beiden Laienprediger im dunklen Anzug und mit gespiegelten Sonnenbrillen den Gottesdienst. In den kommenden eineinhalb Stunden wird viel gesungen, geredet und getanzt. Am Ende erklingt eine für die Region ungewohnte Melodie. Die Hochzeitsgemeinde stimmt „Großer Gott wir loben dich“ an – natürlich auf Oschivambo. Als das Brautpaar die Wellblechkirche verlässt, umtanzen die Frauen des Dorfes die Frischvermählten. Hohe, kehlige Laute durchschneiden die bleierne Mittagsstille. Mit langen Stöcken, an deren Spitzen Straußenfedern stecken, schlagen die Frauen vor dem Paar immer wieder in die Luft. Der alte Brauch soll Glück bringen.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Dann wird gesungen, getanzt und gelacht. In Plastikeimern kreist Omalodu – das traditionelle Bier, das seit Jahrhunderten in offener Gärung aus Hirsemehl hergestellt wird. Für die Menschen in Omutsewonime, was übersetzt Löwenkopf heißt, ist die Hochzeit eine willkommene Abwechslung vom Alltag. Dieser besteht hier im Norden Namibias aus Wasser holen, Holz sammeln und Mehl stampfen – für den Hirsebrei, den es morgens, mittags und abends gibt. In mannshohen runden Bastkörben am Eingang der Gehöfte wird das Korn aufbewahrt. Franziska, eine hochgewachsene und stolze Frau, lebt alleine mit den fünf Enkelkindern auf so einem Gehöft. Ihr Mann ist vor zwei Jahren gestorben, eine ihrer Töchter – die Mutter der Kinder – hat sich vor ein paar Wochen mit dem neuen Freund aus dem Staub gemacht.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Jetzt müssen die beiden ältesten Jungen – sieben und acht Jahre alt – fehlende Männer ersetzen. Jeden Morgen treiben sie die Esel und Ziegen zur rund einen Kilometer entfernten Wasserstelle. Während dort die Tiere getränkt werden, schöpfen die beiden Wasser aus einem knapp 20 Meter tiefen Brunnen. Zum Glück gibt es seit einem Jahr zwei Esel. Die sind ein Geschenk der ältesten Tochter, die in einer Stadt auf der anderen Seite des Zauns arbeitet. Dank der Esel müssen die Jungen nicht mehr Tag für Tag die schweren Kanister mit dem braunen Wasser zu den Hütten schleppen.

Franziskas Familiensituation ist nicht ungewöhnlich für die Region. Das World Food Programm hat in einer aktuellen Studie herausgefunden, dass die Zahl der Waisen und unterernährten Kinder hier am höchsten ist. Die Spätfolgen des Unabhängigkeitskrieges, die hohe Todesrate durch die Immunschwächekrankheit Aids und die wachsende Landflucht halten die Region gefangen im Teufelskreis der Unterentwicklung.

Deswegen will auch Fatima „einfach nur weg von hier“. Wie die meisten jungen Ovambo träumt die 18-Jährige von einem Leben in Windhoek, um den fehlenden Arbeitsplätzen, dem Alkoholismus, dem mit jedem regenlosen Tag spärlicher fließenden Brunnen, der unzureichenden medizinischen Versorgung, der Unterernährung und der mangelhaften Schulbildung zu entfliehen. Lehrerin möchte die junge Frau werden. Dafür läuft sie jeden Morgen mehr als eine Stunde quer durch den Busch zur Schule. In dem flachen Gebäude drängeln sich dann über 40 Schüler jeden Alters, die von zwei Lehrern unterrichtet werden. Wenn Fatima im kommenden Jahr fertig ist, wird auch sie gehen – fort nach Windhoek oder besser gesagt nach Katutura. Im Township der Hauptstadt hofft sie auf ein besseres Leben. 38 Prozent der Menschen in Katutura sind bereits Ovambo. Jeden Tag kommen mehr aus dem Gebiet nördlich der „Roten Linie“. In der Hauptstadt schlagen sich die meisten dann als Taxifahrer oder mit Gelegenheitsjobs durch. Zurück im Ovamboland bleiben nur die Alten und diejenigen, die nicht weg können, weil sie zu arm sind, um den Bus in die 700 Kilometer entfernte Hauptstadt zu bezahlen.

 

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Auch Venasiu und Moses, das frisch getraute Paar, hat das Ovamboland verlassen. In Lüderitz, im Süden Namibias, haben sich die Beiden längst ein neues Leben aufgebaut. Zurück auf die Höfe ihrer Vorfahren sind sie nur für die Hochzeit gekommen. Doch lange halten sie es nicht aus. Als erste verabschieden sie sich von ihrer eigenen Feier. Wenn sie nach eineinhalb Stunden Fahrt den Veterinärzaun passieren, werden sie wieder im anderen Namibia sein.

Veröffentlicht im „Mannheimer Morgen“, 9. Februar 2007

Im November/Dezember 2017 habe ich das Ovamboland wieder bereist und unter anderem eine Ovambo-Queen getroffen. Warum Queen Lisa für deutsche ICEs schwärmt, lesen Sie hier: Besuch bei einer Ovambo-Queen

2 Antworten auf „„Hinter dem Zaun fängt Afrika richtig an“

Kommentare sind geschlossen.

Website bereitgestellt von WordPress.com.

Nach oben ↑